Donnerstag, 27. Januar 2011

Teneriffa 2004/ Teil 1.

Teneriffa: Februar 23. Februar - 3. März 2004.

Ganz plötzlich kam die Idee im Januar 2004, wie gut es wäre, ein bißchen aus dem Winter in den Sommer wegzufahren. Aber nicht zu weit weg, und nicht zu teuer. In diesem Zusammenhang kommen nur die Kanarischen Inseln in die Frage. Für drei Inseln hatte ich richtiges Interesse. Gran Canaria und Lanzarote wären für mich ein bißchen öde, ich sehnte mich nach Grüneren. M. war schon auf Gran Canaria und Lanzarote, er wollte auch schon was Neues entdecken. Wir überlegten es nicht zu lang, eine Woche später reservierten wir schon die Reise für Ende Februar. Ehrlich wäre März uns lieber gewesen, aber so passte es auch mit der Karnevalszeit. Es war sehr schwierig dort irgendwelche Unterkunft mit Selbstversorgung zu finden, die Kataloge baten alles mit HP oder AI an. Noch vor der Buchung habe ich mich schon nach den Sehenswerten der Insel gut erkundigt. Dort spürt man einen deutlichen Unterschied im Wetter und in der Vegetation zwischen der Nord- und Südküste. Die trockene, wüstenhafte Südküste ist ein Touristenparadies, mit prunkvollen Hotels und künstlichen Städten, die mir nicht mal ein bißchen gefielen. Da ich wußte, daß wir in diesem Urlaub nicht unbedingt am Strand sein möchten, entschieden wir uns, ohne große Sperenzien zu machen, für die Großstadt, der kühleren und regnerischen Nordseite, Puerto de la Cruz. 
Ich verbrachte die vor der Reise stehenden anderthalb Monaten in großer Aufregung. Es wird die erste Reise meines Lebens, wo ich über die geographischen Grenzen Europas fliege. Und wie wird es sein vom Winter in den Sommer zu fliegen? Wie vertrage ich den 5-stündigen Flug? Es passierte alles so schnell, ich konnte es kaum glauben, daß wir bald auf Teneriffa dürfen. 
Ich hatte einen großen Wunsch im Bezug auf die Reise, und zwar das, daß an dem Abflugtag hier in München ungeheueres schlechtes Wetter sein sollte, so richtiger zähneknirschender Winter, damit ich diesen Jahreszeitwechsel wirkungsvoll erleben könnte. Man würde denken, ich wäre bescheuert mit diesem Wunsch. Viele Hoffnung gab es aber nicht, daß wir in einem richtigen winterlichen Wetter wegfliegen, weil davor wochenlang nur mildes Wetter war. Na ja, wenn es nicht klappt, klappt es bestimmt heimwärts. Ich war mit ständigen Ängsten voll, daß das Wetter auf Teneriffa im Februar nicht so gut sein könnte.
 
Wir schreiben den 23. Februar 2004. Wir stehen um 5:00 auf, um 8:30 startet unsere Maschiene. Wir packen noch paar Kleinigkeiten zusammen, ich mache Sandwiches und gucke durch das Fenster raus. Ich glaube, ich habe mich noch nie im Leben so sehr über einen Schneefall gefreut, wie in dieser Früh: der Schnee schüttet stürmisch. Hurra, es wird doch eine „ausm Winter in den Sommer” Reise. Um halb 7 kommt M's Bruder uns abzuholen, er bringt uns an den Flughafen, aber ich schaue langsam diesen Schneesturm nicht mehr mit Freude sondern mit großen Sorgen an. Auf der Autobahn spüren wir die Kraft der starken Schneeverwehungen, so ist schwierig zu fahren. Wir kommen gut zum Flughafen an. Ich bin das aller erste Mal hier, auf dem riesigen Franz-Josef Strauß Flughafen von München. Gut, daß M. sich in dieser Flughafenmetropole so gut auskennt. Es wird die erste gemeinsame Flugreise unserer Beziehung, und der längste Flug meines bisherigen Lebens. Ich bin voll mit Spannung. Ich finde die Sitution lustig: ein junges Paar trottet, in Daunenjacke, mit Schal um den Hals, mit Rucksäcken und Isomatte unter der Achsel auf den Fluren des endlosen Terminals. Alles geht so schnell ab…zunächst. 
Wir sitzen schon drin in dem Magen des großen Vogels, aber um 8:30 passiert gar nichts. Nur die Zeit vergeht, bis endlich nach einer halben Stunde der Käpiten ankündigt, daß die Maschiene mit den aus Düsseldorf ankommenden Passagieren vor lauter Schnee nicht landen kann, wir müssen auf sie warten, weil sie zu uns umsteigen. Es wird Musik gespielt und die Zeit vergeht langsam. Nach anderthalb Stunden kommen unsere Düsseldorfer Mitflieger an. Wir sind erleichtert, daß wir nicht mehr warten müssen und ich warte darauf, daß die Maschiene aus ihrer Parkposition herausgeschoben wird. Weiterhin passiert nichts. Nach kurzer Zeit meldet der Pilot, daß wir noch warten müssen, solang, bis die Startbahn von dem Schnee vollständig geräumt wird, und da andere Maschienen auch auf den Start warten, müssen wir auch abwarten, bis wir die Starterlaubniss bekommen. 
Kurz darauf kündigt der Kapitän wieder an, daß wir die Erlaubniss zum Starten bekommen haben, die Fluggäste klatschen, die Maschiene wird jetzt herausgeschoben…aber sie bewegt sich gar nicht.  Die Räder sind im Schnee stecken geblieben, es wird jetzt erst angefangen sie auszuschaufeln. Es dauert wieder eine Weile, aber schließlich, nach 3-stündiger Gefangenschaft in dem Flugzeugbauch, werden wir herausgeschoben. Na, dann kommt noch das Enteisen. Die ganze Maschine wird mit einer pinkfarbigen Lösung abgeduscht, die die Fenster so dick bedeckt, daß ich während des ganzen Fluges kaum raussehen kann. Ich sitzte am Fenster und hasse sehr diese rosa Brühe. Nun irgendwann mittags gelingt es uns zu starten. Meine Stimmung ist auf dem Nullpunkt, da wir so gegen 14 Uhr schon auf Teneriffa gewesen wären, statt dessen wird es schon Abend und damit ist unser erster Tag schon versäumt, ist für nichts verschwendet. Aber ich habe mir diesen vielen Schnee gewünscht, habe ich auch bekommen, also dürfte ich keinerlei Wort darüber schimpfen. Der Flug ist angenehm, man kann Fernseh schauen, jedoch ohne Ton (Kopfhörer muß man extra kaufen). Die Zeit vergeht ungeheuer langsam. Mein Fenster wird erst klarer als wir schon über dem Atlantik fliegen, so sehe ich unter mir nur endlose Bläue.

Teneriffa hat zwei Flughäfen. Wir landen auf dem südlichen, obwohl der nördliche näher zu unserer Unterkunft wäre, aber angeblich der empfängt der nur Inlandsflüge. Während dem Sinkflug sehe ich von der Insel gar nichts, mein Fenster sieht auf den Ozean. Als wir aus der Maschiene aussteigen, warme, dunstige Luft kommt uns entgegen, der Himmel ist grau, bewölkt. Der Ablauf des Aussteigens, Passkontrolle, Gepäckausgabe verzögert sich so lang. Die Uhr muß mit einer Stunde zurückgestellt werden, so haben wir wenigsten doch eine Stunde von dem Tag gespart. Bis wir aus dem Flughafengebäude heraustreten, ist schon später als 18 Uhr. Vom Wetter spüre ich überhaupt nicht, daß hier sommerlich wäre, ein Digitalanzeiger zeigt 17 Grad an.  


Allerdings ist hier viel wärmer als in meinem geliebten Bayern. Wir gehen schnell rüber zu dem parkähnlichen, mit Palmen und tropischen Pflanzen eingerichteten Teil, wo die Busse stehen, erst paar Fotos zu machen. Mir bleibt dieses Foto nicht gerade alltäglich in Erinnerung: auf dem Gepäckwagen liegen die Koffer, oben darauf die dicken Winterjacken und die Isomatten, im Hintergrund aber Palmen. Wir haben Zeit genug, dieses Bild in uns tief einzusaugen und uns an diese Gedanken zu gewöhnen: ja, glaub es, du bist hier, in dem Sommer! Aber ich hoffe, daß hier „dieser Sommer” noch wärmer wird. Es dauert noch lang, bis alle Touristen vom Flugahafen rauskommen und die Reiseleitung uns laut Unterkünften in die verschiedenen Busse verteilt. 

Endlich fahren wir zu unserem letzten Ziel. Wir fahren auf der südlichen Autobahn Richtung Santa Cruz, ich sitze links neben dem Fenster. Wir reden nicht viel, ich glotze nur, und ich bin sehr aufgeregt. Ich habe den Eindruck, die anderen Leute wären schon paarmal hier gewesen, die starren mich an, wenn ich mal laut meine Freude zeige, denen soll es alles wahrscheinlich schon langweilig sein. 
Also rechts sind manchmal Bananenplantagen und der Ozean, und neben mir links eine geheimnisvolle Mondlandschaft. Mal rotes, mal beigefarbiges, mal weißes oder sandfarbiges Vulkangestein, rote oder schwarze versteinerte Lava – welche irgendwie während ihrer Versteifung Luft in sich geschlossen hat, und wo das Gestein von Erosion Löcher bekommen hat, dort klaffen riesige, höhlenmäßige Grotten – schmücken diese interessante Landschaft. Pflanzen gibt hier kaum zu sehen, wenn doch, nur Kakteen, kleinere stachelige Büsche. Diese Landschaft würde ich nicht als was Schönes bezeichnen, aber als überaus Interessant. Kurz vor der Hauptstadt, Santa Cruz de Tenerife, nimmt die Straße eine Linkskurve und die Landschaft verändert sich innerhalb Sekunden. Als wenn zwei Filme falsch zusammengeschnitten würden, mit unglaublicher Schnelligkeit fallen die grünen tropischen Pflanzen in unsere Augen, alles ist grün und mit üppiger Vegetation eingewachsen. Ich bin total aufgeregt, meine Augen suchen stets den Teide, aber die graue Wolken lassen mir ihn nicht erblicken. Langsam kann ich es nicht mehr glauben, daß dieser Vulkan so mächtig wäre, sonst müßte ich ihn doch schon sehen.  

Nun kommen wir in Puerto de la Cuz an. Die Leute steigen nacheinander aus dem Bus, wir sind fast die Letzten. Unsere Unterkunft (Carabellla) schaut von Außen sehr gemütlich aus, aber Innen…weiß ich gar nicht, wie ich sie beschreiben sollte. So fange ich damit lieber von Außen an. Schneeweißes, 4-stöckiges Gebäude, die holzgeschnitzen Balkone sind auf grün gestrichen. Der Eingang ist von einer Glasdecke überdacht, welche sich weit über dem Garten und Rattansessel ausdehnt. Die Rezeption und ihre Umgebung lässt uns noch nicht vermuten, wie unser billiges, kleines Zimmer aussehen wird. 
Nach dem Einchecken gehen wir gleich los unser Zimmer zu suchen. Es ist im Erdgeschoß, man muß es von außerhalb, von der Gartenseite betreten. Die Einrichtung ist das Übliche: längliches, schmales Zimmer mit zwei Betten und einem Tisch. In der Diele ist die kleine Küche, von dort öffnet sich das Bad. Die Betten schauen entsetzlich aus, sie scheinen uralt zu sein, und der Bezug ist so häßlich. Der in der Ecke stehende kunstlederne Sessel macht auch das Gefühl, als ob er von einer hierörtlichen Sperrmüllsammlung gerettet wäre. Dagegen ist das Bad der Gipfelpunkt der Unterkunft, mit großer Wanne, schönen Fließen und um das Waschbecken mit breiter Kunstmarmorplatte. Der Balkon? Ehrlich kriege ich dort den ersten Schock. Die große Glasschiebetür lässt sich nicht zumachen, so steht sie tags und nachts einen Spalt breit offen, und der Balkon selber ist ein kleines, tiefes Loch, unter der Bodenoberfläche des inneren Hofes. Also von dem Hof aus, haben wir ein Tiefparterre-Zimmer. Von dort führen paar Betonstufen in den Hof, wo ein mini Pool und Sonnenliegen (welche fast auseinander fallen) und ein Billiardtisch sich befinden. Wir haben auch einen kleinen Fernseher.  


Wir fackeln nicht lange, wir packen aus und wir brechen auf, das schon abendliche Puerto de la Cruz zu entdecken. Wir machen einen großen Spaziergang. Unser Hotel steht auf einem Hang, runter bis zum Ozean müssen wir durch arg steile Straßen und über hunderte von Treppen absteigen. Aber es stört uns nicht mal ein bißchen, weil unser Hotel wirklich in sehr schöner Umgebung liegt. Unten empfängt uns eine mit vielen Palmen geschmückte Küstenpromenade. Dort entdecke ich gleich den Badekomplex Lago de Martianez, aber ich sehe es so, als wenn kein Wasser in den Becken wäre. Darüber erzähle ich noch später. 
Wir spazieren durch diese Promenade, und dann durch stimmungsvolle schmale Gäßchen, wo uns das Flair des Karnevals berührt: die Straßen sind mit aus Glühbirnenreihen zusammengebastelten Figuren überspannt. Wir erblicken den ersten Drachenbaum. Er ist eine Art von Yucca-Palme, die angeblich nur auf den Kanaren einheimisch sind. Am Anfang der Treppen, die zu unserem Hotel führen, befindet sich ein großer Platz, wo das Martianez-Einkaufzentrum steht. Hier kaufen wir uns Lebensmittel und Getränke ein, und bis wir fertig sind, fängt es zu regnen an. Wir rennen mit den schweren Tüten von dem Regen flüchtend auf den Berg hinauf. Aber die Rennerei ist nutzlos, wir werden so auch pitsch naß und mir wird auch noch übel, so stark keuche ich.   
Ich wünsche mir in der kalten Nacht – wo ich mit dem dünnen Bettlaken und mit der häßlichen Zierdecke (Wolldecke gibt es nicht) mich zudecke – es soll morgen, wenn ich aufstehe wunderschönes Wetter sein. Erst glaube ich, wäre es genug in dem langarmigen Pyjama zu schlafen, aber später ziehe ich auch noch meinen Jogginganzug an und ziehe die Kapuze über meinen Kopf. Ich zittere von der Kälte die ganze Nacht. Es gibt einen Heizkörper, aber davon etwas Wärme zu bekommen, ist sowieso hoffnungslos.  

2. Tag, 24. Februar 2004

Ich hatte es nicht vor, zu früh aufzustehen, doch weckt mich der Ton der zusammenschlagenden Billiardkugeln. Über unserem „Tiefbalkon” spielen Jungen, sie selber sind auch nicht leiser, als die Kugeln. So stehe ich denn auf. Ich muß gleich rausgehen, ich muß es wissen, wie es mit dem Wetter ausschaut. Der Himmel ist blau, nur Quellwolken schwimmen darauf. Ich ziehe mich an und gehe wieder heraus, ich gehe über die paar Treppenstufen in den Hof herauf und es sticht der schneebedeckte Teide hervor. 


Versteift starre ich ihn an. Er ist nicht richtig weiß, sondern glänzt in dem Morgensonnenschein silberig, er lässt nur seinen Gipfel sehen, weil sein mächtiger Körper von einem grünen Hang verborgen wird. Der Hang, welcher von einem uralten riesigen Vulkan übriggeblieben ist, ist unbeschreibbar grün und es scheint so zu sein, als ob er mit einer scharfen Rasierklinge skalpiert wäre. Über seiner perfekten geradeaus Linie erhebt sich die schneebedeckte Gottheit: der Pico del Teide, der 3718 m hohe, seit langer Zeit schlafende Vulkan. Ich habe ihn schon auf zahlreichen Bildern gesehen, aber war auf keinem so weiß. Ich kann es gar nicht verfassen, die Verblüfftheit, den Taumel, worin eingesunken ich dort stehe und ich ihn verblüfft ca. 2 Minuten lang anstarre. Dann renne ich herein, wecke M. auf, und renne wieder mit dem Fotoapparat raus. M. steht immer schwierig auf, bei ihm geht es nicht so schnell. Er versteht es gar nicht, worüber ich mich so aufregen kann, ich hole ihn schlaftrunken, in einer Unterhose „auf den Hof” heraus (in normalen Verhältnisse sagt man, man geht in den Hof runter oder raus – denn in unserem Fall liegt der Hof gegen unser Zimmer oben) und bleibt auch mit aufgesperrtem Mund stehen. 
Der göttliche Berg ist ausgekrochen, der sich gestern gar nicht zeigen wollte, daß wir fast schon gedacht haben, daß er gar nicht exsistiert. Jetzt aber steht er dort mit geschwollener Brust, da er der Herr der Insel ist, er sieht in alle Winkel der Insel rein, wirft seinen achtsamen Blick auf uns. Ich glaube an keinerlei Gott, für mich existiert nur ein Gott und er wäre die Natur, deren mächtige vernichtende und bauende Kraft. Und ich kann jetzt auf dieser Insel 9 Tage lang die Gesellschaft dieser Gottheit genießen. Er ist so achtunggebietend, ist aber nur ein Berg, welcher dort oben thront, sich zwischen die Wolken räkelnd, in der Tiefe seines Magens siedet heute auch noch Magma. Ich habe das Gefühl während des ganzen Urlaubes, daß jemand uns beobachtet, jemand liest zwischen unseren Gadanken, und wenn wir nur ein enziges falsches Wort über sein göttliches Wesen uns sagen trauen, dann können wir was erleben, er könnte Feuerwolken und heiße Steinbomben auf uns werfen, wenn er gerade dazu Lust hätte. So bleibt nichts anderes, wir verehren ihn. Zwar würden wir ihm vielleicht auch noch ein Opfer bringen – wie es die tenerifischen Urbewohner getan haben – nur sollte er zu uns lieb bleiben. Ich weiß es so, der Teide ist ein inaktiver Vulkan, doch fühlt man in seiner Nähe, daß er jederzeit wieder ausbrechen könnte. 

Während des Frühstücks kommen wir darauf, daß wir gar nicht böse sind, daß wir so aufgeweckt worden sind, weil halbe Stunde später draußen sowieso gebohrt und gehämmert wird. Auf der Eingangsseite stehen Gerüste, dort wird gerade irgendwas an dem Haus renoviert. Die Arbeit beginnt jeden Tag früh, so können wir hier mit langem Schalf nicht rechnen. Wir haben beschlossen, daß wir den Tag mit einem Spaziergang anfangen. Gestern Abend in der Dunkelheit konnten wir die Stadt nicht so richtig entdecken. Wir machen uns auf den selben Weg, wie am vorherigen Abend. Aus dem Hotel kommend steht auf der rechten Seite die lange schneeweise Mauer des Hotels, dicht bewachsen mit alpenveilchen-farbigen Bouganvilleas. Als wir über die Straße blicken, sehen wir überall weiße Gebäude mit geschnitzten Holzbalkonen, mit roten Dächern, und zwischen den Häusern ragen schlanke Palmen in Richtung des blauen Himmels. Ganz weit unten, vielleicht einen Kilometer weit von uns sieht man den dunkelblauen Ozean. In dem blendenden Sonnenschein wirkt alles so scharf, berauscht mich der Anblick. Wir verstecken noch unsere schneeweißen Körper vor den Sonnenstrahlen, nicht daß wir gleich verbrennen. In der langärmigen Jacke ist trotzdem nicht so warm, ich kann es gerade vertragen, die Hitze ist nicht so strark, wie ich gerechnet habe. Auf jeden Fall ist es sehr merkwürdiges Gefühl hier barfüßig, in dünnen Klamotten zu spazieren, wogegen wir gestern noch in dicken Winterjacken eingewickelt, vor dem Schneestrurm ins Terminal geflüchtet sind. Unterhalb der Treppen ist der Platz mit dem Einkaufzentrum und der Palmenpromenade. Dann gehen wir zu der Küste, woher man weit entlag der nördlichen Steilküste sehen kann. Hier liegt ein kleinerer schwarzsandiger Strand, wo riesige, schäumende Wellen gegen die Küste prallen. Hier ist unmöglich zu baden, im Wasser stehen große Steine und Felsen, ich kann es mir gar nicht vorstellen, daß es hier jemand schaffen könnte, ohne irgendeine Verletzung ins Wasser zu kommen. Während unserer Erkundungsfahrt verwerfen wir diesen Strand als potenziale Bademöglichkeit. Dann gehen wir auf der Küstenpromenade weiter. Diese ist eine breite, gepflasterte, mit großen Plamen geschmückte Straße nur für Spaziergänger, links sind Bars, Restaurants, rechts der Lago Martianez. 


Dessen Erschöpfer, Cesar Manrique, Bildhauer und Architekt ist auf Lanzarote geboren. Seine Kunstwerke sind fast auf jeder Kanarischen Insel zu entdecken. Sein Grundprinzip war, daß man so bauen müßte, daß dabei der Lebensraum der Natur und des Mensches mit einander in Harmonie stehen soll. Er hat das Terminal des Flugahfens von Lanzarote geplant und noch zahlreiche Sachen: Aussichtspünkte, Badeanlagen, Heimatsmuseen, Kakteenparks, Festungen, Bildergalerien…usw. Also Manrique hat auch diesen Luxuskomplex für die Urlauber geplant. Zwischen den riesigen, als natürlichen Lagunen wirkenden, mit Meereswasser gefüllten Badebecken bilden tropische Pflanzen, grüne Inseln, Holzbrücken und Restaurants den Park. Wegen der Felsen und der Brandung ist der Küste von Puerto de la Cruz fast ungeeignet zum Baden, aber der Martianez Strand ist sehr beliebt. 

Von der Promenade kann ich in die Anlage reingucken, aber traurig und verzweifelt erkenne ich, daß in dem Becken, welche einen weißsandigen, tropischen Strand nachbildet, statt Wasser nur Bagger drin stehen. Der Gedanke macht mich völlig fertig, daß wir in der Stadt nirgends baden können werden und ich werde keine wunderbare, exotischen Fotos in der Anlage machen, wenn es gerade renoviert wird. Sonst ist es absolut typisch auf unseren Reisen, daß wo wir gerade sind, dort meistens genau die Hauptattraktion des Ortes renoviert wird und dadurch können wir sie auch nicht anschauen.  


Hier sehe ich erstmal in meinem Leben Kokuspalmen, die ganz anders ausschauen, als die von mir bis jetzt so gut gekannten Dattelnpalmen. Ich fühle mich so, als ich in den Tropen wäre, obwohl wir noch ganz schön weit von dem Äquator sind, und von der Staatsverwaltung anschauend sind wir noch in Europa, ganz genau in Spanien. Vielleicht war das der erste Augenblick, als sich in mir der Gedanke verfasst hat, daß ich nicht auf die weitesten Teile dieser Erde wegfahren muß, wenn ich hier, so nah, all diese Exotik finden kann, wovon  fast alle Menschen träumen, daß sie einmal im Leben dorthin fahren können. 




Die Martianez-Zone hinter uns lassend, kommen wir zu einer mit Lavafelsblöcken voll bedeckten Küstenstrecke, die von den wilden Wellen gepeitscht wird. Verblüfft sehe ich, daß hier solche Stahlleiter von den Felsen ins Wasser führen, wie in einem Schwimmbad, und paar Menschen versuchen auch ins Wasser zu kommen, was ich total lebensgefährlich finde. Dann wird die Küste steil und oben auf den Felsen ist hier alles mit Häusern zugebaut, hier biegen wir in eine Straße ein, wo die meisten Häuser den Baustil von den Kanarischen Inseln vertreten. Besonders charakteristisch sind die Holzbalkone, und auch die geschnitzten Fenster- und Türrahmen. Auf der Straße herrscht großer Betrieb. Auf dem nächsten Küstenstück stehen die Überreste – mit Basteien und Kanonen – der Festung von San Felipe. Wir schauen es an. Danach kommen wir zu einer winzigen Kieselbucht, wo ein paar Fischerboote auf  die Küste herausgeschoben liegen. Und hier beginnt eine endlose Mole, welche als Wehrdamm funktioniert. Es ist betoniert und an der Meeresseite liegen tonnenschwere, riesige Wellenbrechersteine. Wir spazieren hier auch durch. Hier spüren wir schon, daß die Sonne langsam zu Kraft kommt, aber starker Wind bläst, ich fühle weiterhin keine Hitze. Riesen Wellen stürmen gegen den Wehrdamm, malerischen weißen Schaum bildend. Wo sich der weiße Schaum mit dem Blau des Ozeans mischt, dort entsehen helle azurblaue Farben. Auf den mächtigen Steinwürfeln sonnen sich tausende von roten Taschenkrebsen. Ab und zu spült sie eine Welle unter, dann krabbeln sie wieder zurück. Meine Sinnesorgane sind nicht fähig diese Flut von Wundern dieses Erdteiles so schnell zu verarbeiten.
Danach gehen wir Richtung Zentrum weiter und kommen auf den Plaza del Charco an. In der Mitte stehen riesige Bäume, die ich vorher noch nirgends gesehen habe und deren Kronen erinnern mich an einen Brokkoli, also ab jetzt heißen sie bei uns "Brokkolibäume". :-) Auf dem Platz fliegen viele kleine grüne Papageie rum, nur so frei, wie auch noch nie gesehen. Ich denke ich bin im Paradies gelandet, obwohl ich in diesem Moment noch kaum was davon kenne, was mir diese Insel geben kann. Wir gehen weiter und erblicken den breiten, mit schwarzem Lavasand bedeckten Strand Playa Jardin, irgendwo hinter dem soll auch der Loro Parque liegen. 




Nachher kehren wir zurück und kommen auf einen anderen Platz an, wo die Kirche "Iglesia Nuestra Senora de la Pena de Francia" steht. Den Platz zieren kleine Drachenbäume. Deren Stämme schauen teilweise so aus, als hätten sie Ödeme. :D Von hier spazieren wir aufwärts und kommen dann zu dem Taoro Park als nächstes an. Es gefällt mir sehr gut mit seiner dschungelmäßigen Pflanzenwelt. Ich bin ein großer Pflanzenfan und in diesem Moment fühle ich es so, als ob die ganze Insel ein riesiger Botanischer Garten wäre. Ich sehe hier ständig für mich rätselhafte und unbekannte Pflanzen und ich bin voll mit Sehnsucht, sie alle kennenzulernen. 


Wir sind schon ganz schön kaputt, bis wir zum Taoro Park raufmarschieren. Aber für diesen Anblick lohnten sich die Anstrengungen: üppige Vegetation, Springbrunnen und man kann von hier die ganze Stadt bis zum Ozean sehen, wo die zwei Bläue vom Himmel und Wasser sich treffen. Hier treffen wir uns wieder mit einer neuen kaktusartigen Pflanze, deren Mitte ein 2-3 m langer Auswuchs in einem Bogen wächst und aussieht  wie ein Elefantenrüssel. :D Negativ ist, daß der Taoro Park stark nach Urin stinkt. Wir laufen in einer breiten, verkehrsreichen Straße, die dann über einen tiefen, ausgetrockneten Barranco führt. In der großen Kreuzung haben wir einen tollen Blick auf den Teide und auch auf unser Hotel. Mittags sind wir schon in unserem Zimmer, wir essen e3ine Kleinigkeit und möchten irgendwo baden. Aber wo? Der Lago de Martianez ist geschlossen, der Ozean scheint zu gefährlich zu sein und der Playa Jardin ist zu weit. 


So gehen wir dann zu dem "riesigen" Becken im Hof raus.  Aber dessen Wasser ist so was von eisig kalt, als ob hier in der Nacht Frost wäre. Ich schwimme einmal drin, aber es reicht dann für immer. Wir bleiben ca. 1 Stunde lang in der Sonne, aber wir merken es dann ganz schnell, daß unsere weiße Haut diese starke Sonne hier nicht gut verträgt. So planen wir schnell lieber ein Programm für den Nachmittag. 


Bald laufen wir rauf zu dem in der Nähe liegenden Botanischen Garten. Der Eintirtt ist billig. Ich finde den Garten nicht zu groß, aber ich sehe hier solche tropische Wunderpflanzen, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Ich bin hier ganz verzaubert. Der Interessanteste ist der riesengroße Fikusbaum mit den gigantischen Luftwurzeln.  Der Baum ist bestimmt ca. 60 m hoch und seine hunderte Luftwurzeln sind zwischen paar Zentimeter und armdick, manche sind schon so dick, wie ein Baumstamm. Ich fühle mich, wie in einem Dschungel. Wir laufen um diesen Baum 3-4 mal herum und ich mache viele Fotos. Dazwischen wird der Himmel über unseren Köpfen schwarz. Wir schauen alles mehrmals gründlich an, es gefällt uns sehr hier. 


Es fängt zu nieseln an, wir gehen kurz heim, die leichten Jacken mitzunehmen. Wir endecken noch einen großen Supermarkt gegenüber des Botanischen Gartens. Aber wir gehen jetzt runter zu dem Martianez Supermarkt, wo die Glaspyramiden stehen. Hier kann man alles kaufen und uns gefällt hier besonders die große Fischtheke, wo wirklich große Auswahl ist und die Leckereien aus dem Meer sind sehr billig. Die Fischsorten kennen wir alle nicht, deshalb kaufen wir zum Ausprobieren 300 Gramm von den mittelgroßen Garnelen. Die sind unglaublich billig! Wir kaufen noch zwei kleinere Kraken und viele Getränke. Dann können wir uns halbtot über die vielen Treppen schleppen. Wir putzen die Tiere gemeinsam ab, und im Öl, mit vielem Knoblauch und mit von zu Hause mitgebrachten Oregano, braten wir sie kurz an. Man braucht nur Kleinigkeiten und es geht alles sehr schnell und wir haben schon ein himmlisches Abendessen. Die Beilage ist Reis und dazu Tomaten. Ich lege alles auf einen großen Teller, in der Mitte liegen noch vier Sardinen, die wir auch frisch gekauft haben. Alles schmeckt sehr gut und wir müssen feststellen, daß wir leider von allem zu wenig gekauft haben. Zu dem Abandessen trinken wir Sangria und es alles auf der mini Terasse, beim Kerzenlicht, in einer unvergesslichen Stimmung.


Dieser Eintrag ist hier auf ungarisch zu lesen.

1 Kommentar:

  1. Habe mit Begeisterung den ersten Teil gelesen. Kommen mir einige erste Eindrücke der Insel sehr bekannt vor.

    Ich warte dann geduldig auf 2012, der Kaffee ist jedenfalls gekocht wenn ihr kommt.

    liebe Grüße

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