Freitag, 21. Januar 2011

Vier zauberhafte Tage in den Dolomiten/1.

Rosengarten/Catinaccio

Wir hatten 5 freie Tage Mitte Mai. Es war reiner Zufall, wir habe es nicht geplant. Wir wollten wandern, aber in den naheliegenden Alpen liegt über 1000 m noch Schnee, also müssen wir weiter nach Süden. 

Es ist bekannt, die Bayern mögen wandern und auf der Spitze ihrer Topliste steht Südtirol. Wir haben mehreren Bekannten, die regelmäßig nach Südtirol zurückkehren um zu wandern. Sie sprechen über dieses Gebiet, als ob es auch selber Deutschland wäre, die Einheimischen sprechen dort mehr deutsch als italienisch. Aber dort nützt man für die Ortsnamen zwei, teilweise drei Namen (deutsch, italienisch und lateinisch). 
Südtirol umfasst ein großes Gebiet, nach dem Gehörten sind wir nicht fähig uns zu entscheiden, wohin wir hinsollen. Was mich am meisten anzieht, ist der Gegend der Drei Zinnen /Tre Cime de Lavaredo, 

Drei Zinnen, Quelle des Bildes: http://lh4.ggpht.com 
aber wir überlegen es uns zwischen dem Pustertal und Grödnertal/Val Gardena auch. Wir möchten zelten, so fange ich im Internet nach ordentlichen Campingplätzen zu suchen an. Zufällig finde ich den "Camping Vidor" in Pozza di Fassa, der sehr sympatisch ist und wenn es kälter wäre, hat er auch Zimmer. Er ist zwar nicht mal in der Gegend von den vorher aufgelisteten, aber gefällt uns sehr gut und die Umgebung scheint auch interessant zu sein. Also ein Campingplatz hat uns die Entscheidung genommen, daß wir ins Fassatal, zu dem Fuß der Rosengarten Gruppe fahren.  


Wir fahren am 14. Mai früh aus München los. Die Strecke könnten wir schon mit verbundenen Augen abfahren: Garmisch-Partenkirchen, Seefeld, Innsbruck, Brennerpaß, Brixen (Bressanone), Bolzano (Bozen). Gegen Mittag kommen wir in Bolzano an, wo wir ca. 1 Stunde lang die Stadt anschauen. Von hier sieht man auch schneebedeckte Berge. Bekannte waren zwei Wochen vorher hier und sagten: bis 1800 m sind die Berge schneefrei. Seitdem sind zwei Wochen vorbei, wir hoffen, jetzt können wir bis auf 2000 m problemlos rauf. Bolzano ist eine nette, hübsche Stadt, aber zu großen Eindruck übt sie nicht auf uns aus. Von hier fahren wir in dem Eggental (Val d’ Ega) weiter. Sofort nach Bolzano, führt der Weg durch eine in ein Märchen passende, wildromantische Schlucht, wo uns unter den steilen, engen Felswänden ständige Steinschlaggefahr begleitet, deswegen sind die Felsen mit Drahtnetzen bedeckt und auch über der Straße sind Netze gespannt. Teilweise sieht man große Felsbrocken drinnen hängen. 


Tatsächlich sind wir nicht mehr in Südtirol, da die Grenze bei Bolzano liegt, hier heißt es schon Dolomiten. Die Menschen sprechen hier fast alle deutsch und wie die Landschaften, Häuser, Dörfer ausschauen, hat es viel mehr mit Österreich zu tun, als mit Italien. 
Unterwegs halten wir bei dem Karersee (Lago di Carezza) an. Der ist was unglaublich Schönes. Hinter ihm türmen sich die schneebedeckten Spitzen des Latemars auf, das Wasser des Sees ist unwahrscheinlich grün und kristallklar, herum Föhrenwälder und auf dem Wasser spiegelt sich die Latemar-Gruppe. Malerisch!


Hier werden die Bergketten nicht Gebirge oder Ketten, sondern Gruppen genannt. Ich liebe Alpenseen, sie sind immer wundeschön, aber wir müssen jetzt weiterfahren. Bald kann man links die Westseite der Rosengarten-Gruppe sehen und wir kommen nachher ins Fassatal (Val di Fassa) an. Wir finden gleich die Siedlung Pozza di Fassa, wo der Camping Vidor ist. Aber der Eingang ist mit einer Schranke gesperrt und keine Spuren irgendeines Lebens sind zu entdecken. Wir parken draußen und gehen neben der Schranke rein, rumzuschauen. Das Informationshäuschen ist auch geschlossen, und steht gar nichts drauf, warum, oder bis wann. Wir gehen in das Städtchen rumzuschauen, und schnell fällt es uns auf, daß dort auch jedes Hotel, jede Ferienwohnung geschlossen ist, sogar sind alle Jalousien jedes Hauses zu, als ob hier keine Menschen wohnen würden, und wäre hier alles ausgestorben. Wie eine Geisterstadt. Bei einer Informationsbude sammeln wir Prospekte von den Unterkünften der Umgebung zusammen und fahren zu dem Camping zurück, in der Hoffnung das der Portier nur zum Mittagessen weg war. Aber kein Mensch ist dort und wir schauen noch einmal innen rum. Es gefällt uns so sehr, aber langsam wird es offensichtlich, daß der Camping zu ist. Aber warum? Die gegenübrige Gaststätte hat auch zu. Total enttäuscht fahren wir in das nächste Dorf los, Zimmer zu suchen. Es bricht unsere Stimmung total ab, da wir so sehr die Atmosphäre des Zeltens mögen und wir haben auch für eine ganze Woche einen Haufen Konzerven mit dabei...Ein Zimmer hat dieses Flair nicht. Ich nehme unsere ernsthafte Landkarte (Hallwag: Südtirol, Alto Adige) vor, die die Campingplätze mit winzigen Zelten anzeichnet. In Pozza wäre noch einer. Wir finden ihn auch schnell, aber ist auch zu. Sehr merkwürdig ist es alles und ich habe eine Vermutung, daß in der Umgebung auch alles ausgestorben sein wird. Ich suche aus dem ADAC Campingführer noch drei weitere Campingplätze etwas südlicher aus. Wir entschließen uns, wenn hier in der Gegend nichts finden würden, dann fahren wir runter zum Gardasee. Dort waren wir schon zweimal zu dieser Jahreszeit und alle Campingplätze waren offen. Nur es wäre doch Schade, da wir wegen unserer Bergwanderungen ganz andere Karten mitgebracht haben und nicht vom Gardasee. 


Wir fahren im Fassatal nach Süden durch Moena und Predazzo und dort biegen wir in das Tal des Travignolo ab. Bei Bellamonte ist das nächste Campingzeichen, wir finden ihn, ist aber auch zu. :(  Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir müssen zum Gardasee. Wir sind traurig. Ich liebe den Lago di Garda, aber wir waren schon zweimal dort und jetzt wollen wir was ganz neues. 
Der Weg von diesem letzten Campingplatz läuft weit über dem engen Tal und auf einmal erblicken wir eine kleine grüne Wiese, wo wir zwei Wohnwägen, ein Zelt und ein Wohnhaus sehen. Aufgeregt fahren wir schnell dorthin. Mein Herz rast, wenn es ein Campingplatz ist und offen ist, soll nur noch eine ordentliche Sanitäranlage haben, und dann wird alles gut. Wir kommen an und mein erster Weg führt zum Sanitärhaus. Ich stehe dort überrascht: alles Kunstmarmor, Bodenheizung, super moderne Duschzellen, warmes Wasser ohne Ende (ohne Münze!). Hurra!! Ich kann meine Freude gar nicht erzählen. Wir klopfen bei dem Haus und uns öffnet die Tür eine junge Frau, sie spricht deutsch. Sie führt uns in einen kleinen Büroraum und nimmt unsere Daten auf. Auf dem unberührten Rasen gibt es überall Platz, ich möchte in der Nähe des Badehauses bleiben. Während weniger Augenblicke stellen wir unser Zelt auf. Es dämmert schon. Da nur insgesamt vier Camper hier sind, haben die Besitzer nur die Frauenabteilung des Bades geöffnet - Frauen und Männer müssen jetzt alle dorthin., aber es ist überhaupt kein Problem. Und wie schön warm ist es drinnen! Wir duschen und nachher ist schon draußen viel kälter. Tagsüber war auch nur 18 Grad und hier sind wir auf 1100 m, in einem Talkessel umgeben von hohen Bergen. Ich will gar nicht daran denken, wie kalt hier die Nacht wird! 
Wir stellen unseren Campingtisch, die Stühle und den Gaskocher auf, kochen eine Konzervendose und eine Thermoskanne Tee, wir ziehen uns warm an und sitzen bis ca. 21 Uhr draußen. Danach wird es wieder deutlich kühler und wir mümmeln in unsere Wolldecken ein, aber ich denke ich erfriere mich bald. Bis 22 Uhr halten wir es so aus, dann haben wir keine andere Wahl, als ins Zelt schlafen zu gehen. Wir haben noch nie in solcher Kälte gezeltet. Wir schätzen, daß die Temperatur in der Nacht bis auf 0 Grad runtersinkt. M. lacht sich Minuten lang über mich tot: ich ziehe Legginghose unten an, darüber gefütterte Jogginghose, T-Shirt, Pullover, Fleecejacke, dann lege ich die Decke in den Schlafsack innen rein, ziehe auf meinen Kopf eine Strickmütze und die Kapuze auf - wie eine Mumie in den Anden. :-) Er will mich fotografieren, aber alle unsere Wertsachen haben wir ins Auto gesperrt. Der Bach fließt nur paar Meter neben uns ich höre wie er rauscht. Genauso höre ich das Rauschen des Windes, wie die Bäume sich im Wind bewegen, und Eulen heulen. Mich erinnert es alles ein bißchen an die Stimmung der Horrorfilme. :D Es ist für mich zu ungeheuer. Ich friere mich nicht besonders, aber kann nicht einschlafen. Später werde ich wach, daß ich mich zittere und denke meine Nase friert ab, da ich nicht mehr einschlafen kann, gehe ich aufs Klo. Der Himmel ist unglaublich sternenklar. Es ist ungeheuerlich kalt! In dem Badehaus ist es schön warm, ich überlege mir echt, daß ich hier schlafen sollte, da die Bodenheizung so angenehm ist. Aber es würde blöd ausschauen, wenn jemand mich sieht und M. würde Herzinfakt bekommen, wenn er aufwacht und ich liege nicht neben ihm im Zelt. Also, ich gehe zurück. Ich höre, daß irgendein Kleintier komische Töne von sich gibt und in der Nähe herumfegt. Ich stelle mir alles Mögliche von Bären und anderen Tieren vor und da ich mich furchtbar friere und furchtbare Angst habe, kann ich nicht mehr schlafen. Ich kann kaum daran glauben, daß ich diese Nacht überlebe, währenddessen schläft M. wie ein Murmeltier. Ich überlege mir solche Sachen, wie können die echten Bergsteiger im Himalaya oft minus 30-50 Grad Temperaturen in der Nacht im Zelt überleben?  

Unser Campingplatz im Tal:

15. Mai 2006

Die Nacht geht irgendwie vorbei, wir stehen ziemlich früh auf. Zum Frühstücken ist draußen noch zu kalt, aber anders geht es nicht. In den höheren Regionen liegt noch Schnee und die meisten Wanderungen gehen hier ab  1300 m los, so ist es schwierig irgendwas ideales zu finden. Wir wollten heute zurück zu dem Karersee, aber dort wird es zu kalt, da der Latemar Schatten darauf wirft. So suchen wir aus der Wanderkarte (und aus dem Rother Wanderführer) solche Wanderung aus, welche entlang eines Tales (also nicht zu hoch) geht. Weil wir die Umgebung noch nicht kennen, ist auch egal, wo wir hingehen, alles gibt uns was neues zu erleben. Wir wählen schließlich das Vajolettal (Valle del Vaiolet).  
Wir fahren nach, von gestern schon bekannten, Pozza bzw. neben ihn liegenden Pera. Hier fängt unsere Wanderung entlang des Baches auf 1326 m an. Zuerst müssen wir ganz steil aufwärts gehen und dann kommt ein superschöner, blühender, grüner Hang.  


Hier laufen wir lang auf einem asphaltierten Weg. Rechts neben uns ragen die Türme des Larsec's auf. Auf den vom Löwenzahn gelben Wiesen stehen kleine Scheunen. So ein idylles Bild, was ich vorher nur auf Wandkalenderbildern gesehen habe. Der Asphaltweg gefällt uns nicht, wir wollen "näher" zu der Natur sein, deshalb steigen wir zu dem Bach (links) runter. Wir gehen auf einem Pfad auf dem Linksufer des Baches bis er auf einmal unerwartet aufhört. Hier ist der Bach breit, er hat gerade Hochwasser und wir müssen irgendwie rüber. Es schaffen wir nur mit Schwierigkeiten und nachher gehen wir unter den Gardeccia-Toren genannten Felsen. Zwischen den Felswänden und unserem Weg erstreckt sich ein Geröllhang, manchmal bedecken Steine auch den Weg, daß man es erahnen kann, daß hier regelmäßig Steinlawinen runterkommen. Hier wächst nichts mehr anderes, als Latschenkiefer. Wir laufen schnell und ich kriege kaum Luft, mir fällt auch mein Blutzucker schnell unter. Aber wir gehen immerzu weiter, bis auf einmal mir alles zu zittern anfängt und ich werde schwindelig. Ich muß mich auf einen Fels setzen, da ich glaube, sonst würde ich gleich ohnmächtig. Ich esse schnell paar Schokokekse. Wir könnten auch hier aufhören, aber wir wollen unbedingt noch weiter nach oben. Irgendwas zieht mich da oben wie ein Magnet an. Es ist ein Muß, was ich nicht erklären kann, aber ich will alles sehen. Es ist nicht mehr viel übrig bis zur Gardeccia Hütte (1965 m). Aber soll niemand es denken, daß es offen wäre. :-) Alles ist ausgestorben. Hier befindet sich eine größere Wiese, hier setzen wir uns auf eine Bank um auszuruhen und zu essen. Ich zittere mich ca. noch 10 Minuten lang von dem Unterzucker und von der plötzlichen Muskelerschöpfung. Wir sind keine erfahrenen Wanderer und seit vorigem Sommer waren wir nirgends zu wandern, wir treiben keinerlei Sport und unsere körperliche Kondition steht auf Null. Wenn Saison ist, fährt hierher eine Bimmelbahn und auch ein Bus rauf, und können auch Menschen mit Autos rauffahren. Zu größeren Wanderungen macht es bestimmt Sinn, mit Auto raufzufahren und dann ab hier erst wandern. Wir treffen uns die ganze Zeit insgesamt vielleicht mit zehn Menschen. Wir bemerken, daß unter den sogenannten Vajolet-Türmen noch eine Hütte steht, wir wollen bis dahin unbedingt rauf. Bis jetzt haben wir 600 m Höhenunterschied kaum unter zwei Stunden geschafft. Wir müssen von dem Tempo ein bißchen zurücknehmen, sonst kippe ich um.  


Da oben auf dem Fels die Vajolethütte:

Hier wird aber der Weg richtig steil! Jetzt marschieren wir schon langsamer und genießen die Schönheiten der Natur. Wir erreichen die Schneegrenze, aber bis zur Hütte müssen wir noch einige Höhenmeter schaffen.  Es ist unmöglich in dem tiefen Schnee einen Pfad zu finden. Man kann vorsichtig, ohne reinzusinken oben auf dem Schnee gehen. Ein bißchen komisches Gefühl ist es, ganz allein in den Bergen. Man fängt zu fantasieren an, was alles mit einem passieren könnte. Das letzte Stück ist sehr anstrengend, wir kommen tot müde zu der Hütte (zwei Hütten sind es eigentlich: Rifugio Preuss und Vajolet), zu den Füßen der Vajolet-Türmen an. 


Ich sinke hier teilweise bis zum Knie in den Schnee. Daß wir hier keinen Tee in dem warmen Haus trinken werden, haben wir schon lange gedacht, aber wir haben eigenen. Wir sind auf 2243 Meter. Es ist jetzt der höchste Punkt meines Lebens (ohne Seilbnahn), was ich erreicht habe. Wir sind aus dem Tal fast 1000 Höhenmeter Unterschied bis hierher gewandert. Und das Gefühl irgendwas zu erobern kommt auch gleich mit, und ich jubele im Schnee vor Freude. Die Umgebung ist wunderschön, nur ist hier sehr kalt. Von hier beginnen die Höhenwege. Es tut uns so leid, daß noch so viel Schnee liegt, wir würden so gerne weitergehen. Wir fühlen so, daß irgendwas unbeendet ist. 


Als ich auf die gigantischen Vajolet-Türme raufschaue, sehe ich eine Schlucht, worin Klettersteig raufführt, ich wünsche mir so sehr darauf zu klettern. Aber leider nicht jetzt, es ist absolut unmöglich. Von weitem hören wir das Donnern einer Lawine. Wir müssen langsam zurück. Ich fühle mich so, daß ich jetzt große Lust bekommen habe, mehr und mehr solche Höhenwege zu entdecken. Ich kann nicht erklären, warum man weiter nach oben will, als man keine Kraft mehr hat und alles ist nur noch eine Qual, aber wenn man da oben steht, wo man hinwollte, dann wird alles klar, jetzt weiß ich schon: man will sich dieses Gefühl unbedingt erschaffen, das Gefühl des Eroberns. Mit solchen Gedanken wenden wir uns. 
Bei Pozza gibt es einen größeren Lebensmittelladen, wir kaufen jeden Tag dort frisches Brot, Getränke, und Kleinigkeiten. Unser Abend vergeht ähnlich, wie gestern. Die Kälte treibt uns wieder ganz früh in die Schlafsäcke, obwohl es uns sehr schwer fällt, so früh schlafen zu gehen, wir sind prinzipiell "Nachttiere". Heute Nacht friert mich nicht, aber ich bin so eingemümmelt in dem Schlafsack (mit dem Kopf auch ganz drin), daß ich ständig Klaustrophobie habe und fühle ich mich wie eine Mumie.

Weitere Informationen über die Dolomiten findet man auf www.dolomiten.net.

Dieser Eintrag ist hier auf ungarisch zu lesen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen