Donnerstag, 28. April 2011

Mauritius - die Tage des Zyklons

23. Februar 2007, Freitag, fünfter Tag

Wir stehen um 8 Uhr auf, es ist windig, aber regnet nicht und die Sonne zeigt sich auch manchmal. Von einem vergangenen Nachtsturm sind keine Spuren zu sehen. Wir können Ausflug machen. Bei dem Frühstück erscheint die Reiseleiterin und klebt ein weißes Blatt auf das Glasfenster. Das junge Paar, das mit uns ca. gleichaltrig ist und in dem Nachbarapartment wohnt, kommt gerade vom Frühstück zurück, wir fragen sie, was auf dem Zettel steht. Sie sagen, es steht drauf, daß jetzt Zyklon-Alarm Stufe 2. ist. Es bedeutet, daß die Schulen geschlossen worden, und in Kürze auch die Läden (deshalb ist empfohlen, daß wir einkaufen sollen). Wenn Stufe 3. kommt, bedeutet es, daß Ausgangsverbot auf die Straße ist. Die Sache macht uns ganz unsicher, was sollen wir jetzt tun, wir überlegen es bis 10 Uhr und fragen die Nachbaren, was sie meinen. Das Personal der Anlage sagt, wir sollen nicht weiter weggehen, als wovon wir innerhalb halbe Stunde zurückkommen können. Sie meinen, wenn eine Zyklonwarnung Stufe 3. uns irgendwo erwischt und wir nicht mehr raus dürfen, könnten wir tagelang irgendwo festgenagelt sein. Alles ist so unsicher und wir wissen nicht, wie ernst man diesen Sturm nehmen soll. Schließlich fahren wir nach Flic en Flac. Das Wetter wechselt sein Gesicht in jedem Moment, man kann wirklich nicht wissen, was davon wird. Flic en Flac ist eine größere Siedlung, hier wäre unsere ursprüngliche Unterkunft gewesen, aber wegen Umbauarbeiten mussten wir sie umbuchen. Das Dorf ist absolut ausgestorben, man fühlt, daß irgendwas in der Luft hängt, daß die Einheimischen die Zyklonwarnung ernst nehmen. Die Küste ist hier endlos lang, man könnte hier sehr lang spazieren. Wir spazieren ein bißchen und M. geht ins Wasser zu schnorcheln, ich bleibe draußen und passe auf unsere Sachen auf.

Strand von Flic en Flac

Ich bin immer mehr verstimmt von dem Grauschleier. Nach einer Stunde fahren wir zurück. Unsere Nachbaren haben heute ihren letzten Tag, morgen fliegen sie heim. Sie erzählen uns, daß das Wasser nur hier am Rand so schlimm ist, wir können mit aller Ruhe weit bis zum Riff rausschwimmen, dort ist es viel klarer und dort gibt es auch paar Korallen zu sehen. Da wir wegen diesem Alarm nicht wegzufahren wagen, bleiben wir hier und schwimmen weit aus, zu schnorcheln. Wir sehen aber nicht viel interessantes, da fast überall am Boden Seegras liegt. Nur ein paar Korallenblöcke und paar gestreifte Fische sind alles, was wir sehen. Das Wasser ist sehr trüb, man kann max. 2 m weit sehen. Was haben sie denn erzählt? Es wird langsam schon total blöd, daß wir unsere Zeit hier so verschwenden. Von einem Sturm sind keinerlei Spuren zu erkennen, nur der graue Himmel, wir wollen nicht hier sitzen, wir haben doch das Auto für 8 Tage und haben viele Programme geplant.  Der heutige Tag ist schon kaputt, aber jetzt fahren wir noch auf spontane Idee in den nah liegenden La Casela Vogelpark, den auch unsere Nachbaren uns empfohlen haben. Der Eintritt ist 150 Rupien/Person. Wir erreichen den Eingang des großen Parkes über eine Palmenallee. Der Park ist wie ein Dschungel und in der Mitte stehen die Vogelhäuser, mit vielen unterschiedlichen tropischen Vögeln. Es gibt auch einen Schildkrötengarten, wo ca. 50 riesengroße Schildkröten sind, die von den Bäumen runterfallenden Früchte schmausen. In jeder Minute fällt eine überreifte Frucht - Avocado, Mango oder Orange - auf den Boden. Wir haben unser Authan schon wieder im Auto gelassen und während paar Minuten stechen uns die Mücken voll. 





Der Park wird durch Teiche und Hügel auf unterschiedliche Ebenen aufgeteilt, und alles ist mit wunderschönen Pflanzen eingepflanzt. Auf dem größten Hügel gibt es einen Aussichtspunkt, aber er ist geschlossen. Auf der anderen Seite des Hügels ist eine Farm mit Haustieren und es gibt auch noch Affen, Tiger, Schildkröten, Kängurus und einen großen See mit Wasservögeln. Leider regnet es und der Wind flattert plötzlich auf. Ich denke, es ist schon bestimmt der Vorwind des Zyklons, und ich freue mich darauf, da ich hoffe, daß dieser Sturm sich in der Nacht schon wirklich abwickelt und ab morgen können wir wieder normal unsere Ausflüge weitermachen. Auf dem Heimweg kaufen wir ein, aber mit den Essensvorräten nehmen wir es nicht ernst, wir kaufen hauptsächlich Getränke. Wir sind ganz sicher, daß ab morgen wieder schönes Wetter wird. M. liest auf der Terasse und ich dusche. Das Wetter ist deprimierend. Wir essen Tütensuppe und unterhalten uns mit den Nachbaren, die es uns bitterlich mitteilen, daß ihr Flug wegen der Sturmwarnung annulliert wurde und der Flughafen schließt, da schon die 3. Alarmstufe gilt. Ab jetzt dürfen wir nicht mehr die Anlage verlassen, aber wir spüren noch keinen Unterschied zwischen der Stärke des Windes von früher und jetzt. Später essen wir Nudeln mit Soße (und die Reste schmeißen wir sorglos weg). Das Gewitter ist jetzt hier ungefähr so stark, wie im Sommer oft am Plattensee. Wir verstehen nicht, warum so großer Wind darum gemacht wird. Wir unterhalten uns bis halb 12 in der Nacht auf der Terasse mit den Nachbaren. Der Sturm ist noch immer unverändert stark aber er wird in der Nacht stärker. 

24. Februar, Samstag, sechster Tag

Der Windsturm tobt, aber ich beurteile ihn jetzt noch immer nicht stärker, als ein Sommergewitter am Balaton - was ich schon als Kind so oft erlebt habe. Heute kommt kein Personal, es gibt kein Frühstück und wir bereuen langsam, daß wir nicht für mehrere Tage eingekauft haben. Das Nachbarpärchen ist für ungewisse Zeit hier festgeklebt. Der Sicherheitswächter bleibt jetzt schon auch tagsüber hier. Ich weiß nicht, wie er so lang aushält. Rausgehen können wir nicht - nicht mal in den Garten, das Gewitter tobt. Wir unterhalten uns viel, und lesen beide. Ich meckere paarmal, daß es so gemein ist, daß wir das Auto haben, und es soll nur unbenützt da stehen. Aber langsam finde ich mich damit ab, daß es unser Schicksal ist und ich gar nichts daran ändern kann. Morgen wird schon eine Woche, daß wir hierher geflogen sind und kaum haben wir noch was unternommen. Ich sehe eigentlich gar nicht, wo diese vielen Tage schon verschwunden sind, es kommt mir so vor, als wenn wir nur seit zwei Tagen hier wären. Gestern wurde es noch so prognostiziert, daß der Sturm in der Nacht weitergeht, deshalb haben wir ihn auch nicht ernst genommen. Wir haben nur 4 Tütensuppen und 4 Scheiben Brot insgesamt. So essen wir zu Mittag nur Suppe, mit den anderen sparen wir. Der Windsturm ist mal stärker, mal schwächer. Man kennt sich nicht aus. 

Eine 8 Sekunden lange mini Videoafnahme von mir, von dem Zyklon "Gamede":



Er sollte sich schon wirklich austoben, aber es zieht sich nur wie Kaugummi. Der Sicherheitswächter hört Radio und teilt die neusten Nachrichten uns mit, laut denen kommt der richtige Zyklon am Abend an, und zieht  in der Nacht weiter. Wir lesen ganzen Tag, die Zeit vergeht sehr langsam, aber wir können wenigstens auf der Terasse sitzen, es hat aber deutlich abgekühlt. Am Nachmittag taucht der Besitzer der Anlage auf, und verteilt aus der Küche zwischen den Gästen tiefgefrorenes Brot, Eier, Obst, Kakaopulver und Müsli. Ich mache dann "pelziges Brot" (beliebtes ungarisches Frühstück: Brotscheiben in aufgeschlagenes Ei tauchen und im Öl anbraten). Wir geben den ganzen Tag die Hoffnung nicht auf, daß die Sonne rauskommt und unser Hausarrest endlich aufhört. Ich überstehe es alles tapfer, aber in der Tiefe meiner Seele könnte ich schon weinen. Nach dem Abendessen unterhalten wir uns mit unseren Nachbaren wieder und gehen wir zu denen zu knobeln rüber. Der Sturm wurde stärker und es hat sehr stark abgekühlt. Der Tag war wahnsinnig lang. Komischerweise habe ich keine Angst von dem Wirbelsturm, ich denke nur daran, daß es schon endlich geschehen soll, damit wir unseren Urlaub weiter genießen können. Wir bleiben bei V. und U. bis 23 Uhr. 

25. Februar 2005, Sonntag, siebter Tag

Ich wache um 6 Uhr auf. Habe schon paarmal in der Nacht gehört, daß irgendwas klatscht. Ich gucke raus und sehe, daß der Wind weniger weht, aber der Garten in Ruinen steht. Also der Zyklon war in der Nacht hier. Gott sei Dank, daß Ende ist. Ich will mich noch hinlegen, aber ich bin so aufgeregt, daß ich nicht mehr einschlafen kann. Ich möchte sehen, wie große Schäden der Sturm verursacht hat, also ziehe ich mich an, nehme den Fotoapparat und gehe raus und laufe im Garten rum. Ich bin  nicht der einzige Frühaufsteher und "Gartengutachter".  V. und U. sprechen gerade mit dem Wächter, ich gehe zu ihnen und er erzählt, daß der Sturm gegen 2 Uhr in der Nacht am stärksten war. Ich habe gut geschlafen, habe nur ab und zu was gehört.  Manchmal habe ich gedacht, daß durch die große Glasscheibe ein großer Baumast reinfligen wird. Also, der Anblick ist mehr als deprimierend - erbärmlich. Von dem wunderschönen, gepflegten Tropengarten ist kaum was übriggeblieben. Die Hälfte der größeren Bäume liegen auf dem Boden, die sind einfach auseinander gespaltet, die kleineren Bäume sind mit Wurzeln ausgerissen worden, die 15-20 m hohen Kokuspalmen haben keine Blätter mehr und alle Kokusnüsse liegen auf dem Boden. Die Bananenpflanze ist im ganzen ausgekippt. Die Stromleitung ist abgerissen, ein Teil von den Gartenlampen ist komplett verschwunden, der Pool ist voll mit Ästen und Laub, die Blumenbüsche haben keine Blumen und keine Blätter mehr. Alles ist vernichtet. Der Ozean ist in der Nacht fast bis zum Pool in den Garten hochgekommen. Wo gestern noch dichter grüner Rasen war, liegt dort heute dicke Sandschicht. Muscheln, Korallenbrocken und Steine bedecken den Gartenrasen überall. Die drei Betonstufen von den Treppen, die vom Garten zum Strand geführt haben, sind weggespült und sie liegen ca. 3 Meter weiter weg von ihrem ursprünglichen Platz. Vor dem Nahcbarhaus war eine ca. 1,5 m hohe Mauer, aus Erde und Beton gemischt. Sie hat sich komplett verändert, es fehlt ca. anderthalb Meter davon, als ob der Ozean es einfach ausgebissen hätte. 

Diese runde Steine bildeten vorher eine Treppe




An der Küste liegen tote Fische, dicke, fleischige Schnecken und Seegurken - tot. Der Ozean ist braun und wellt wild, in dem Moment eher zurückgezogen, und draußen, über dem Riff trichterförmiger Wirbelwind saugt Meereswasser auf. Zuerst schockiert mich das Bild, und dann kapiere ich, daß der Sturm auch viel stärker gewesen sein konnte. Der Regen gießt noch immer, nur der Wind ist viel schwächer geworden. Solang bis ich den Garten durchfotografiere, M. schläft noch, aber ich bin so aufgeregt, daß ich ihn aufwecke. Er ist total empört, daß ich nicht normal bin, daß ich ihn um 6 Uhr deshalb aufwecke. Währenddessen schlägt der Wächter mit einer Machete die runtergefallenen Kokusnüsse, die größer als ein Fußball sind, und er bringt für jeden Gast eine geöffnete Kokusnuß, die noch unreif ist, aber man kann die Kokusmilch austrinken, die bestimmt ein Liter ist. Er sagt, daß das Ausgangsverbot noch immer gilt, aber der Wind hatte nur 120km/h Stärke, währenddessen auf der Nachbarinsel La Reunion er mit 220 km/h gewütet hat. Dort sind ernsthafte Schäden entstanden. Also, wir können uns freuen, daß wir nur so viel gekriegt haben. Eins vertehe ich aber nicht, wie kann man so verantwortunglos nah zu der Küste bauen, da die Wellen auf die Terasse des Apartments raufgekommen sind, welches auf der Meeresseite steht. Wenn wir dort wohnen würden, hätte ich in der Nacht furchtbare Angst gehabt. Mir fällt der Tsunami von Thailand ein. Ich habe mich nämlich daran geklammert, daß wir unsere Unterkunft unbedingt auf der Westseite der Insel haben, damit wir nicht auf der Küste von dem Becken des Indischen Ozeans sind, sondern Richtung Afrika schauen - direkt wegen dem Tsunami. Ich habe vor der Reise so viele Ängste von Krankheiten, Haien oder Feuerfischen gehabt, aber an Strum habe ich gar nicht gedacht. Man sagt, daß auf der Nordspitze der Insel der Sturm viel stärker war. Die armen Menschen, die dort in Buden wohnen, was kann jetzt mit denen sein? Der Wächter sagt, daß es noch nicht der Schluß ist, weil es in der Nähe auch einen anderen Zyklon gibt und kann sein, daß er in paar Tagen hier ankommt. Kann aber sein, daß er in andere Richtung geht. Aber es ist noch nicht zu Ende. Na, es ist der Moment, wo ich schon fast weinen muß, da ich es schon sehe, daß unser ganzer Urlaub - und meine erste Traumreise - kaputt ist. Das Personal kommt heute auch nicht, es gibt heute auch kein Frühstück oder Putzen. Wir haben kaum mehr was zu essen. Heute können wir uns nicht mal auf die Terasse raussetzen, da sie voll mit Schlamm und Laub ist und da die Seitenschutzwände (Bambusrollos) abgerissen sind, schlägt der Regen rein. Einer von unseren Stühlen ist zusammengekippt. Wir lesen im Zimmer und die Zeit vergeht wahnsinnig langsam und draußen ändert sich nichts. 






Dann kommt der Besitzer und teilt wieder Wasser, Obst und Müsli auf. Gegen Mittag wird endlich der Sturm stiller und hört der Regen auf. Später kommt die Ehefrau des Besitzers mit einer anderen Frau und sie beginnen die Äste im Garten zusammenzusammeln. Die Sonne kommt raus, und der Garten wir mit Leben voll, alle Gäste sammeln die Äste und tragen sie auf einen Haufen. Dann taucht auch der Gärtner auf, und verteilt Sägen, Äxte und die Männer schneiden die noch halb hängenden Äste ab. Während einer Stunde schaut schon der Garten viel besser aus. Wir helfen auch viel mit und dann fahren wir zum Einkaufen und nehmen unsere Nachbaren auch mit. Der Supermarkt wird voll mit Menschen. Nach dem Einkaufen essen wir und spazieren an der Küste. Jetzt kann ich wirklich viele Muscheln sammeln, da der Ozean durch den Sturm sie haufenweise ausgespuckt hat. Aber unsere Freude war frühzeitig, weil die Sonne nicht lange scheint. Später regnet es wieder stark und neue Windstöße kommen. Am Nachmittag kommt das Personal und bringt weiterhin den Garten in Ordnung. Der Tag vergeht schon schneller, als die vorherigen. Unsere Nachbaren erhalten neue Nachricht, laut der sie heute Nacht schon heimfliegen. Da sie es noch  nicht wussten, haben sie einiges eingekauft, jetzt geben sie alles uns. M. schläft lang am Nachmittag und ich lese Buch. Zum Abend sieht das Wetter genau so aus, wie vor zwei Tagen: total regnerisch und windig. Ich verstehe nicht, wieso kann das Flugzeug schon fliegen? Die im Garten und an der Küste verbrachte sonnige Stunde ist nur noch Erinnerung. Abends unterhalten wir uns mit V. und U., wir tauschen Adressen und Spielen noch lang Knüffel.  In der Nacht haben wir tausend Mücken, obwohl es bis jetzt keine gab. 



Wasser aufsaugender Trichter über dem Ozean



Dieser Eintrag ist hier auf ungarisch zu lesen. 

Kommentare:

  1. Ja, man sollte doch immer auf die Einheimischen hören ;-) Wetter kann so unberechenbar sein, aber das kennste ja auch von hier mit den plötzlichen Regenschauern.

    Mal gut, dass euch bzw. bei euch damals nicht mehr passiert ist.

    AntwortenLöschen
  2. Zu meinem heutigen Post, habe für dich noch ein Bild nachträglich eingestellt ;-)

    Schönes Wochenende euch Beiden

    AntwortenLöschen