Donnerstag, 2. Februar 2012

Tansania - Meru, der Gipfeltag

13. Januar

M. schläft auch nicht viel, vielleicht 'ne Stunde und wir stehen schon um halb 1 von uns selbst auf. Wir trinken Tee und essen paar Kekse und ich fühle mich überhaupt nicht schlecht, nicht von dem Nichtschlafen und auch nicht von dem Durchfall. Ich fühle so, daß mein Durchfall vorbei geht und freue mich auf die Gipfelwanderung. Die Nacht ist viel milder, als ich es mir vorgestellt habe, es ist überhaupt nicht kalt. Natürlich wissen wir es, daß es weiter oben schon viel kälter wird und unterwegs haben wir keine Möglichkeit uns dicker anzuziehen, deshalb ziehen wir alles mögliches jetzt schon an - wie auch die ganzen anderen Leute. So ziehen wir unten lange Skiunterwäsche und dickere Wanderhose, dicke Funktionssocken; und oben ein langarmiges T-Shirt, ich zwei Fleecejacken (M. nur eine) und darüber die Windjacken, Halstücher, ich Stirnband, M. Mütze und zum Schluß die Stirnlampen und Handschuhe an. Ich kann die Kälte schwierig einschätzen, aber ich denke, es kann nicht weniger als + 10° Grad sein. So gehen wir im Stockdunkelem los. Der Pfad wird schnell steil und wir schwitzen schon in den vielen Schichten. Ich fühle mich völlig ok. Aber sobald, daß ich mich ein bißchen anstrenge, melden sich die Darmkrämpfe wieder extrem und ich schicke die Jungs schnell vor und hocke schon in der Kurve des Pfades...Der Durchfall ist wieder da. Es wiederholt sich bis zum Rhino Point viermal. Dort holen wir paar Gruppen ein, die schon früher losgelaufen sind, aber die meisten Gruppen sind schon weit vor uns, da sie schon um 01 Uhr gegangen sind.


Ich lutsche immer wieder Traubenzucker und wir halten erst nach dem Rhino Point zum Trinken an. Sofort, als ich das heiße Getränk austrinke, schmeiße ich die Thermoskanne mit Turbogeschwindigkeit zum M. und kotze den jetztigen und die früheren Teen in einem ein Meter langen Strahl von dem Lavahang runter, daß es dort wie ein Wasserfall runterrast. Nachher fühle ich mich so gut, daß ich glaube, jetzt ist schon alles vorbei, ich raffe mich zusammen, habe wieder neue Kraft und glaube daran, daß ab jetzt alles gut wird. Ich bin total besessen davon, daß ich auf diesen Berg steige und ignoriere meine Krankheit. Es geht dann mir vielleicht so 20 Minuten lang gut, bis ich wieder Durchfälle kriege und erneut den Tee erbreche. Dann wird es mir langsam schwindelig, ich kann mich manchmal kaum auf den Beinen halten und kleben meine Augen so arg stark von der Müdigkeit zu, daß ich manchmal mit geschlossenen Augen laufe. Dann halte ich immer wieder an (und mit mir unsere ganze Truppe), ich steche meine Wanderstöcke vor mir in den Boden und lege ich mich mit meiner Brust darauf, lasse den Kopf und die Hände so runterhängen, als ob sie gar nicht mehr meine Teile wären und schlafe auf den Stöcken für Sekunden ein. Ich fühle mich, wie narkotisiert. 
Ab hier habe ich einige Sorgen, ob ich in diesem Zustand wirklich fähig bin diesen Berg zu besteigen, aber ich will es und raune total besessen und pausenlos, wie ein Gebet vor mich hin: „du schaffst es, du schaffst es”. Manchmal denke ich, ich bin in meiner Vernunft gar nicht mehr richtig da, ich fühle mich wie in irgendeinem Delirium. Der Hauptguide sieht es, daß ich einige Probleme habe, deshalb sagt er immer wieder „pole, pole” –  langsam, langsam und er hat wirklich viel Geduld für meine Pausen, die immer häufiger werden. Ich schnaufe wahnsinnig, mein Herz rast. Die Strecken - die ich laufen kann - werden immer kürzer und dafür die Pausen - wo ich auf meinen Stöcken hänge - immer länger. Schließlich zittert schon mein Körper und ich suche ständig nach einen großen flachen Stein, weil mein größter Wunsch ist, mich darauf werfen und sofort einschlafen dürfen. Mir fällt es nie einmal ein, daß es die Bergkrankheit wäre, sondern ich mache dafür ausschließlich das Abendessen schuld. Innerlich weiß ich schon, daß ich auf den Gipfel es nicht schaffe, aber ich will es nicht aufgeben und ich will mit meiner Schwäche auch nicht M. zurückhalten. Ich mache mit mir einen Kompromiss aus, laut dessen laufe ich unbedingt so lang, bis die Sonne aufkommt und bis wir den Kraterrand erreichen. Wenn ich den Kili im Morgenrot erblicke und noch immer so kraftlos bin, gebe ich auf, aber vorher nicht!  Es ist mein neues Ziel und es treibt mich jetzt wieder. Wir marschieren auf der äußeren Seite des Berges, nur paar Meter unterhalb der Kraterrandes. Eisiger Wind rast vom Hang aufwärts, wir frieren uns sehr. Ich ziehe noch eine Strickmütze an. Leider ist der Reißverschluß meiner Jacke noch vor dem Rhino Point kaputtgegangen. Man hätte es retten können, der Guide wollte helfen, aber hat es zu weit gezogen und der Zipp kam runter. Also ich laufe mit offener Jacke, die nur drei Klettverschlüße zusammenhalten. Man braucht die Stirnlampen nicht mehr, es dämmert schon und man sieht wie der Hang von dem daraufgefrorenem Rauhreif glänzt. Wir halten zu trinken an und ich wundere mich, daß sich auf meinem Rucksack Eis gebildet hat. Jetzt gehen wir schon so, daß nach jedem 20-30 Schritten wieder anhalten, ich hänge immer 2 Minuten auf meinen Stöcken und dann laufen wir wieder los. Wir stehen mehr, als wir vorwärts kommen. Die anderen Gruppen können jetzt schon wahrscheinlich oben, am Gipfel sein. Wir sind sehr spät dran, wir sind die aller letzte Gruppe. Endlich erreichen wir den Kraterrand, was mein Ziel war. Wir stehen direkt auf dem Kamm und sehen vor uns die Kaldera, drinnen mit dem Vulkan Ashcone. Wenn wir über der äußeren Seite des Berges blicken, sehen wir steile, felsige Hänge und unten Wolkendecke und den eigenen Schatten des Berges. Weit über der Kaldera herrscht der Kilimanjaro im Morgenrot. Der Kili scheint so klein zu sein. Das Gesamtbild ist  wunderschön.

In der Ferne der Kili




äußere Seite


Ich bin glücklich, ich wollte dieses Panorama erleben und jetzt stehe ich hier und ich sehe es, jetzt ist schon alles egal. Wir halten hier Pause, aber es ist wahnsinnig kalt. Nach kurzer Pause habe ich das Gefühl, ich hätte neue Kraft und, da der Guide sagt, es wären nur noch ca. 150-200 m Höhe übrig, ich denke, es schaffe ich schon.  Aber als er auf den mächtigen Felsturm vor uns zeigt, weiß ich wieder, es wird nichts. M. zweifelt sich auch, daß er es schafft, aber er kann noch, er will weiter. Ich fühle langsam, daß ich nur eine Last für unsere Gruppe bin. Ich gebe mir eine letzte Chance und sage "ok, gehen wir". Und ich gehe fanatisch als die Erste los. Kaum 5 Meter laufe ich, kippe ich fast zusammen, mir ist so übel, ich sehe ein, ich kann es nicht, ich gebe auf. Ich setze mich auf einen Stein und M. geht mit dem ersten Guide los, ich sage, ich will hier auf ihn warten. Beide Guides sagen, es geht nicht, da es mehr als 2 Stunden dauert und wir würden hier sehr frieren. Sie geben es mir in Befehl, ich muß runter. Mein Herz bricht zusammen. Es war letztendlich mein Traum, ich habe diesen Berg ausgesucht und M. macht es einfach mit und er hat es immer gedacht, er würde es nicht schaffen (wegen der vielen Raucherei). Wir haben beide so gedacht, wenn nur einer von uns aufgeht, das werde ich sein. Wir besprechen gar nichts, bis ich aus meinen Gedanken zurückkomme, klettert M. schon auf den Felsen und wir haben nicht mal "bis dann" oder was anderes gesagt. Ich schreie nach ihm, er soll auf sich sehr aufpassen. Mir laufen Trännen in die Augen, ich habe Sorgen um ihn und ich bin sehr traurig, daß ich kurz vor dem Ziel runter muß. M. winkt noch, wir klären noch schnell, ob der Zimmerschlüssel bei mir ist und ob er die zweite, kleine Kamera hat. Ich bitte ihn, um viele Fotos zu machen.
Ich mache mich mit Ewaldi auf den Weg zurück. Am Anfang reden wir nichts, ich versinke in meinen Gedanken und versuche die Niederlage zu verarbeiten. Mein Guide hat endlose Geduld zu mir. Ich schleppe mich nur und ich bin wirklich verzweifelt, wie soll ich es alles schaffen, ich habe keine Kraft mehr. Dann kommt die Sonne auf, die Kälte verfliegt und bei dem Tageslicht sehe ich tausend Wunder. Ich halte immer wieder zum Fotografieren an. Ich bin wahnsinnig durstig, ich fühle mich sonst gar nicht mehr schlecht, ich bitte um eine Trinkpause, wo wir uns auf einen Stein setzen. Ich trinke langsam einen Becher heißen Tee, und unerwartet kotze ich ihn wieder sofort im Strahl aus. Ich verstehe es nicht, was soll es sein. Ich schäme mich, ich denke, daß der Guide mich sicherlich total ekelig findet. Ich entschließe mich, ich darf nicht mehr trinken. Trinken ist wichtig, aber Erbrechen saugt meine letzten Kräfte aus, und die brauche ich noch, um runterzukommen. Ich fühle so, als wenn in meinem Mund Watte wäre, ich kann kaum mehr reden, da meine Zunge nur wie ein Holzstück sich anfühlt, aber ich schwöre, ich trinke nichts mehr. Ich will schnell runter und dann im Haus von dem original verpackten Wasser trinken, wovon wir noch eine Flasche übrig haben. Das können sie vergessen, daß ich noch einmal von ihren aufgekochtem Bergwasser trinke! Nach einer Zeit fange ich an mit Ewaldi zu sprechen. Er spricht viel besser englisch, als ich, ich fühle mich total blöd, daß ich nur stottern kann. Aber er hat endlose Geduld und wir unterhalten uns letztendlich ganz gut, über viele Sachen. Er ist mir viel sympathischer, als unser Hauptguide.

Paar Fotos von dem Weg nach unten: 
Der große Merukrater und drinnen der Ashcone


Der untere grüne Ring ist der Punkt, wo ich es aufgegeben habe,
der andere ist der Gipfel 





Märchenhaft - oder nicht???



Ich komme halbtot um halb 10 zu der Hütte zurück. Ich bin ausgetrocknet, ich mache meinen Schlafsack wieder auf und stecke mich sofort rein, ich zittere wahnsinnig, ich will einschlafen, aber der Schüttelfrost quält mich so sehr, daß ich nicht einschlafen kann. Und langsam wird es draußen laut. Es kommen die ersten zurück, die den Gipfel erreicht haben und sie erzählen ihre Erlebnisse laut und hauen ständig die Türen zu. Ich fühle mich wahnsinnig einsam, ich habe große Sorgen um M., ich möchte nur noch daheim sein und jetzt sofort mit meiner Mutti sprechen. Ich breche in Weinen aus. Dann höre ich die Stimmen von H. und J. (die Frankfurter) und gehe schnell raus, ich will mit denen sprechen. Ich will es sofort wissen, ob sie M. gesehen haben. Ja, sie haben ihn gesehen, als sie vom Gifel runtergekommen sind, er war in Ordnung. Sie geben mir eine Flasche Wasser und zwei Beutel Elektrolytenpulver. Wir umarmen einenader, nehmen Abschied und sie gehen schon gleich los, sie wandern nämlich heute von dem Berg ganz runter. Ich werfe die zwei Pulver in meinen Becher und trinke schluckweise und versuche wieder zu schlafen, kann aber nicht, da es wahnsinnig kalt ist. Ich gehe lieber vor das Haus, wo gestern so schön sonnig war und treffe dort den Schweizer, der hier geblieben ist, da er auch Durchfall hatte. Seine Frau ist allein mit ihrem Guide auf den Berg los, er hat auch Sorgen. Wir unterhalten uns und gegen halb 1 steht auf einmal M. vor mir. Wir umarmen uns und kriegen beide Tränen in die Augen. Wir haben beide gegenseitig große Sorgen um den anderen gehabt. Er ist auch fix und fertig, erschöpft, will sich sofort hinlegen. Wir haben hier noch anderthalb Stunden Ruhe. Unser Team will uns unbedingt Mittagessen machen, wir sagen beide, wir wollen nichts, ich vielleicht Popcorn mit Salz, aber sie wollen kochen. Dann sage ich, mit kaputtem Magen darf man nichts essen, aber wenn sie wollen, können paar Kartoffeln im Salzwasser kochen. Ich bin schon total hungrig und esse meine Popcorn spurlos auf und es tut auch gut. Aber dann bekomme ich einen mächtigen Teller mit fettigen Pommes, sie haben es nicht kapiert, was ich wollte. Jetzt sitzen sie neben mir und ich muß es essen. Von Höflichkeit esse ich ein bißchen davon und sofort nachher kriege ich wieder Übelkeit und Durchfall. Ich bin turboböse auf sie, daß sie alles so drängen, wo sie keine Ahnung haben. Sie meinen, ich habe die Bergkrankheit und muß viel essen, damit ich Kraft bekomme. Ich bin schon böse und sage, ich weiß was los ist, ich bin Krankenschwester, habe mehr Ahnung wie sie. Okay, daß sie Verantwortung für uns haben und helfen wollen, aber sie wollen uns total falsch behandeln, es geht nicht. Das ganze Camp weiß schon, daß ich krank bin, selbst der Ranger kommt und frägt nach mir. Jeder behauptet, es wäre die Bergkrankheit, und ich, daß es von ihrem Essen ist.

M. auf dem Gipfel



Kurz nach 14 Uhr machen wir uns auf den Weg nach unten und der Weg scheint nie aufzuhören. Uns alle tut schon alles ab den Hüften nach unten weh; alle Fußzehe unten, die Sohlen, die Knie, die Schenkel. Wir gehen noch nicht lang, als ein heftiges Gewitter mit Hagel kommt. Wir ziehen schnell alles drüber, was uns schützen kann und überstehen es ganz gut, ohne sehr naß zu werden. Der Regen macht aber den Weg matschig und rutschig, so ist es ein bißchen schwieriger abwärts zu laufen. Hier helfen die Stöcke gut.


Wir können kaum mehr erwarten, daß wir zu den Miriakamba Hütten ankommen. In der letzten halben Stunde jammert schon die halbe Gruppe. Als wir ankommen, verlangen wir sofort unsere Waschschüsseln und waschen uns und hängen unsere schmerzenden Füße ins Wasser. Dann wasche ich noch M's Haare, so daß die Schüssel auf seinem Schoß ist und ich gieße mit dem Becher Wasser über seinen Kopf. Zu dieser Zeit fühlt sich auch er schon extrem übel. Er beschwert sich über große Bauchkrämpfe, Brechreiz, Kopfschmerzen und Schüttelfrost. Er steckt sich in den Schlafsack und wir beide wollen nichts mehr vom Essen hören. Von Höflichkeit sage ich, daß wir die Suppe essen. Ich esse sie im Speisesaal und unterhalte mich mit den anderen, M's Suppe bringe ich ihm ins Zimmer. Er meint, ihm geht es auch von dem gestrigem Essen schlecht, der Guide behauptet, es wäre die Anstrengung und Erschöpfung.

Draußen läuft schon die Trinkgeld-Zeremonie. Alle Schwarzen sammeln sich draußen und die Touristen teilen die Trinkgelder auf. So fügen wir uns auch dem Schicksal, auch wenn es weh tut, das Geld auszugeben. Dem Guide geben wir 60, dem 2. Guide 25, den zwei Trägern (der eine ist der Koch, der andere ist der Bediener) 20-20 USD, so geben wir insgesamt  125 USD aus. Die Träger halten es für zu wenig. Wir hätten gerade denen gerne noch paar Dollar draufgelegt, aber wir haben nur noch große Scheine übrig. Dann besprechen wir mit den zwei anderen Gruppen, mit denen wir gemeinsam waren, daß wir das Geld für den Ranger gemeinsam zusammengeben. Wir denken, wir 7 Leute waren eine Gruppe, und in der Schrift steht 10 USD pro Gruppe, also wollen wir ihm (zum Schluß) 30 geben.

Unser Team
Trotz aller unserer Proteste bekommen wir Abendessen: Reis, Kartoffeln, und Soße mit Gemüse. Aber wir essen nur ein bißchen Reis, sonst nichts. Bis halb 9 unterhalten wir uns noch mit anderen und dann gehen wir schlafen und schlafen die ganze Nacht prima durch.  

1 Kommentar:

  1. Tut mir echt leid für dich dass du so kurz vor dem Ziel aufgeben musstest. Muss wirklich schlimm sein, gerade weil du dich da so drauf gefreut hast. Schön aber dass M. es geschafft hat und dir mit den Fotos den Eindruck verschaffen konnte.

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