Freitag, 8. Juni 2012

Über meine Arbeit

Ich wollte grundsätzlich in diesem Blog über meine Arbeit nicht schreiben. Ich will es in der Zukunft auch nicht, da den Blog auch Arbeitskollegen lesen. Ich könnte aber auch ein Buch darüber schreiben, mit was für Fällen und ungewöhnlichen, manchmal unglaublichen Szenen man sich während der häuslichen Altenpflege trifft. Ich tue es aber nicht. Zumindest nicht in diesem Blog, auch wenn es mir leid tut und auch wenn es sehr interessant wäre. 
Ich schreibe jetzt nur deshalb diesen Eintrag, weil viele nach meiner Arbeit fragen, viele wundern sich, daß ich an jedem Wochenende arbeite und dazu möchte ich hier paar Sachen erzählen, erklären, und dann ist Schluß mit dem Thema. 
Jetzt müsste ich eigentlich tief in die Vergangenheit zurückgehen und einiges, als Vorgeschichte erzählen. aber ich bin nicht mal dazu fähig, weil es so viele Teile hat, was die Öffentlichkeit nicht angeht, obwohl dadurch könnten mich viele besser kennen, oder verstehen. Aber ich lasse es trotzdem. Ich schreibe hier jetzt nur darüber was ich arbeite und wie, ohne Kommentare und Gefühlsäußerungen.

Ich arbeite seit ich in Deutschland bin in der ambulaten/häuslichen Altenpflege. Es ist eine sauschwere Arbeit, nicht nur physisch, sondern auch seelisch, und ist nichts gutes für die Nerven. Aber ich habe mich damit abgefunden, auch wenn es nicht leicht war. Ich bin Krankenschwester, habe früher in Chierurgie gearbeitet...das war was...ich habe es wahnsinnig geliebt, ich war besessen von meiner Arbeit. Jetzt fange ich schon an, ich will davon nichts erzählen! Altenpflege, daheim, allein, ohne Hilfe, mit dementen Leuten...hat ganz andere Qualitäten. So viel darüber.

Was bei dieser Arbeit für mich/für uns - da M. auch das selbe macht - der große Vorteil ist, daß wir hier keine festen Arbeitszeiten haben. Man arbeitet eigentlich ziemlich durcheinander, z.B. ich 70% von meinen Tagen in zwei Schichten an dem selben Tag. Beide Schichte sind kurz, in sich nicht anstrengend, aber für mich ist doch die größte Vergewaltigung meines Privatlebens, daß ich da nachmittags wieder weg muß. Vormittags von 7:00 bis 11 - 11:30, manchmal 12:00 Uhr und dann Pause. Was mache ich in diesen 3,5 Stunden? Einkaufen, kochen, am Computer sitzen, bloggen, Telefonate, andere Sachen erledigen, manchmal bleibt auch 'ne Stunde für den Balkon, einfach nur relaxen und ein Buch lesen. Dies, letzteres, funktioniert eher weniger, da man innerlich unruhig ist, daß man wieder weggehen muß und kann nicht abschalten. Ganz selten schlafe ich in der Pause, weil ich so erledigt bin, aber tagsüber eigentlich kann ich fast nie schlafen. Dann kommt M. heim, wir essen und ich gehe um 15:30 wieder in die Arbeit los. Es kotzt mich an jedes Mal! Wenn man einmal schon daheim ist, möchte man daheim sein! Wenn einmal der Partner heimkommt, dann möchte man mit ihm reden, eventuell was unternehmen, und nicht weggehen, so, daß man nur während dem Mittagessen paar Sätze - die auch hauptsächlich über die Arbeit - besprechen kann. Dann bin ich weg und komme zwischen 19-20 Uhr heim. Bin müde und lustlos. Komme ich wieder zum Computer, da es meine Besessenheit ist, so guckt M. allein einen Film, ich schreibe hier...
Ich muß in einer Woche ca. 3, manchmal 4 Nachmittage zurückgehen. Manchmal gibt es aber auch eine ganze Woche, daß ich nicht muß, das ist natürlich das Paradies, mittags schon heimzukommen und fertig sein. Aber dann kriege ich die Stunden nicht zusammen. Ich habe immer von einer Arbeit geträumt wo ich um 8 Uhr anfange, ziehe die 8 Stunden am Stück ohne Pause durch und komme schon um halb 5 heim...

Wir, in diesem Beruf müssen immer arbeiten, so eine Firma kann keine Pause, keinen Feiertag machen, die kranken, alten Menschen können nicht einen Tag ohne Versorgung daheim bleiben. Also, wenn jemand von den Kollegen plötzlich krank wird oder Urlaub hat, dann muß eine andere einspringen (=ihren freien Tag widmen), oder einfach nur mehr arbeiten. Wer fehlt, muß ersetzt werden! So kann jedes Geplante immer unerwartet plötzlich kaputt gehen.

Wir leben für das Reisen, und dafür ist diese Arbeit gut in dem Sinn von Flexibilität. Hier kann man mal ein bißchen mehr arbeiten und damit Überstunden sammeln, die man später zu dem Urlaub fügt und damit den Urlaub verlängert, man kann 4-5 Tage frei nehmen, so daß der Urlaub übrigbleibt, man kann so viel Variationen mit der Zeit schaffen, was wo anders, in anderem Beruf gar nicht möglich wäre.
Bei uns bekommen z.B. die Kollegen, die Kinder haben, immer zu Feiertagen und Ferienzeit frei/Urlaub, also dann muß arbeiten, wen es noch gibt, also, wer keine Familie hat. Von Urlaub abgesehen, ist es eigentlich ein Glück für uns, weil wir sowieso nie in der teuersten Ferienzeit irgendwo hinreisen wollten. Wir reisen in solchen unmöglichen Zeiten, wo kein anderer Mensch will, deshalb ist es schon ganz gut mit dem Urlaubsplanen, was übrigens doch nicht so leicht ist, da man im Januar schon seinen Jahresplan abgeben muß, was für mich und M. kein Problem bedeutet, wir sind schon für Jahre mit Plänen voll. Aber die anderen wissen es noch meistens längst nicht und dann muß man warten, und mit den Buchungen auch warten, bis irgendwelche günstigen Flugpreise dann hochsteigen...

Mit den Feiertagen und Wochenenden ist es natürlich auch am besten zu lösen, daß die Kollegen mit Familie frei bekommenm, die anderen sollen arbeiten. Da denkt jeder, es wäre so furchtbar und wir ein Scheißleben beide haben, und ich kann es nicht oft genug erzählen, daß es uns so total gut passt und idealer könnte es gar nicht gehen. Wir mögen nicht feiern, von Weihnachten, Ostern usw. wollen wir am besten gar nichts wissen, also uns stört es nicht, daß wir da arbeiten müssen. Und mit dem Wochenende? Ich habe es selber angeboten bei meiner Firma, daß ich gerne immer Wochenende arbeite. Es ist am Wochenende so ruhig. Es tut mir so gut, ich fahre mich auch runter und arbeite ruhiger, als in der stressigen Woche. Es ist null Verkehr, manchmal denkt man schon, daß gerade die Welt ausgestorben ist. Außer 1-2 Taxifahrer, oder Streifenwagen sieht man nichts auf der Straße, es gibt keinen Stau, es ist ruhig und schön zu fahren. Das Handy klingelt gar nicht, "mach dies, mach das, hol es ab, bring es hin, dusche noch bitte den xy". Nichts. Es klingelt nicht und es ist so schön, mal ganz allein zu arbeiten, in meinem Rhythmus, in meinem Stil, ohne daß jemand reinreden würde. Man muß nicht in arroganten Arztpraxen anrufen um irgendein Rezept zu betteln, dann später in der Praxis stehen, das Rezept abholen, in die Apotheke gehen, einlösen...und es alles in einem Zeitdruck, wo für solche Sachen eigentlich keine Zeit ist. Nein, es ist Ruhe und es spüren die sonst auch aufgeregteren Patienten, die sind ebenfalls ruhig, viel ruhiger, als in der Woche, viel freundlicher und es gibt weniger zu tun, also man hat den Zeitdruck von dem Wochentag nicht, man kann mit den Leuten mal reden, 5 oder vielleicht auch mal 10 Minuten wo sitzen bleiben, Sachen erfahren, wie sonst nie, einen Tee bekommen, den sonst nie, geliebt sein fühlen, wie sonst nie. Einfach schön. Kein Gedränge an der Tankstelle, am Bankautomaten. Und das letzte Argument dafür, es gibt ein bißchen mehr Geld, zwar am Gehalt fast unspürbar, aber doch eine Motivation. Man hat dann in der Woche frei, wo andere Menschen arbeiten, also dann kann man mit aller Ruhe Sachen in der Bank, bei dem Arzt oder in einem Amt erledigen, man kann vormittags in total leerem Laden ruhig einkaufen, man kann was anschauen oder wegfahren, ohne Touristenmassen...Ich liebe in der Woche frei haben.

Es waren alle positiven Argumente, aber es gibt ja auch negative, die mich aber eher weniger stören, so z. B. das, daß die anderen Menschen, die normal arbeiten, die haben am Wochenende frei, also sie haben für uns in der Woche keine Zeit, am Wochenende haben wir aber keine Zeit für sie. So ist es fast unmöglich mit Freunden zu treffen, oder jemanden einzuladen. Aber eigentlich es ist der einzige Grund, was ich hier sagen kann. Was noch einfällt, wir können an den Arbeitstagen Sachen erledigen, aber andere Menschen nehmen dafür extra frei oder Urlaub, wir machen es an unserem gut verdienten, oft einzigen freien Tag, also können wir auch nicht ausschlafen, weil ein Arztermin auf uns wartet oder so was, oder rufen morgens um 8 Uhr schon voll idiotische wildfremde Menschen uns an, die Umfrage machen wollen...oder wir sind die einzigen, die im Haus daheim sind, also, alle Paketdienste finden uns und bis zum Abend steht im Flur ein Berg von Paketen, und abends klingeln die Nachbaren...

Kommentare:

  1. Ich ziehe immer den Hut vor diesem Beruf und kann nur sagen dass die Menschen gluecklich sein koennen solche Menschen wie euch zu haben.

    Eine Freundin von mir ist auch in dieser Sparte taetig, und hatte letztes Jahr durch ihre "Firma" das Glueck in eine private WG zu kommen. Auch wenn es dort mit Schichten ablaeuft muss sie dennoch oft genug einspringen weil Arbeitskolleginnen sich einteilen lassen und dann immer wieder nen gelben Schein vorlegen.

    Nochmals Hut ab und schoen dass ihr euch dann eure Freizeit so toll gestaltet!!!

    Liebe Gruessle

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  2. Hochachtung!Da hast du aber keine leichte Arbeit.Man gut,dass es Leute gibt,die diesen Beruf meistern, ich könnte das nicht unbedingt.Da bin ich in meinem Kiga doch recht glücklich.Herzliche Grüsse Heike

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  3. Danke für eure Anerkennung, ich mache es mit Herzen und Seele, aber ich könnte mir schon viel besseres, anderes vorstellen. Manchmal bin ich ein Nervenwrack davon und gerade dort brauche ich die Reisen, die dann mich mit Energie aufladen.

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